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Ganz kurze Farbenlehre

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Patchworkkursleiterin habe ich kürzlich einen Workshop zum Thema Farbe gemacht. Farbe ist ja immer ein schwieriges Thema, ganz oft höre ich „Ich weiß nicht, was mir steht“ oder „Ich weiß nicht, was zusammenpasst“. Bei mir ist das Problem immer, dass ich zwar weiß, welche Farben zusammenpassen, aber nicht, wie ich sie gefällig zusammenstelle: wie viel brauche ich von welcher Farbe, wie hell, wie dunkel sollte welche Farbe sein.

Dieser Workshop der Patchworkgilde war wirklich hilfreich für mich. Ich habe viel über die Farbkonzepte gelernt, die heute allgemein verwendet werden (Schlagwort für die Suche: Farbkreis nach Itten oder nach Küppers). Viel wichtiger aber waren die Kontrast-Konzepte von Johannes Itten. Über die erzähle ich Euch hier ein bisschen was, denn am Ende läuft es immer darauf hinaus, dass man mit einem Projekt einen oder mehrere dieser Kontraste bedient. Und wenn man die kennt und übt, dann wird es mit der Zeit immer einfacher, Farben für ein Nähprojekt, egal ob Kleidung, Deko, Taschen) oder ein Outfit zu finden.

Das Ganze basiert auf dem Farbkreis, den die meisten von Euch sicherlich kennen:

Aus Stoffen ist der 12-teilige Farbkreis nach Itten gebildet, zusammen mit den abgetönten und aufgehellten Farbtönen ergibt sich eine farbige Fläche. Oben steht zwischen der 12 und der 1 die Farbe Gelb. Dann folgen Gelborange, Orange und Rotorange. Darauf Rotorange, Rot und Rotviolett zwischen 5 und 6 Uhr auf dem Kreis. auf der zweiten Kreishälfte liegen Violett, Blauviolett, Blau, Blaugrün und Grün. Die letzte Farbe des Kreises ist Gelbgrün.

Es gibt 7 Kontraste, die Johannes Itten in seinen Büchern beschreibt.

Der Farbe-an-sich-Kontrast
Nimm 3 oder 4 reine Farben, dazu Schwarz und Weiß und stelle sie nebeneinander. Das ist der Farbe-an-sich-Kontrast. Der einfachste und gleichzeitig schwierigste Kontrast. Da alle Farben gleichwertig nebeneinanderstehen, verliert man sich bei zu vielen verschiedenen Tönen schnell im Chaos. Und trotzdem ist das der Kontrast, den man praktisch immer abbildet. Du trägst blaue Jeans und weißen Pullover? Farbe-an-sich-Kontrast. Deine Tasche ist Türkis mit einer pinkfarbenen Applikation? Farbe-an-sich-Kontrast.
Piet Mondrian hat in seinen Werken ab den 1920er Jahren diesen Kontrast für seine berühmten Kompositionen aus Schwarz, Weiß, Rot, Blau und Gelb verwendet.

16 Stoffquadrate in den Farben Magenta, Yellow, Cyan, Weiß und Schwarz sind ohne Muster auf einem Blatt arrangiert.


Kalt-Warm-Kontrast
Kalte Farben und warme Farben kennen viele von Euch aus der Farbberatung. Ich habe so eine Beratung auch mal gemacht, danach bin ich ein Sommertyp und soll kühle Farben mit blauen Untertönen tragen. Herbsttypen hingegen tragen warme, gelbtonige Farben, die mir tatsächlich auch überhaupt nicht stehen.
In der Farblehre von Johannes Itten gelten hingegen alle Gelb-, Orange- und Rottöne als warme Farben und alle Grün-, Blau- und blaustichige Violettöne als kalt. Der Warm- Kalt-Kontrast ist also der zwischen den beiden Hälften des Farbkreises.
Schon sind wir einen Schritt weiter. Stelle Blau neben Rot und Du hast neben dem Farbe-an-sich-Kontrast auch noch den Kalt-Warm-Kontrast mit verwendet. Ich persönlich finde es ganz schön schwer mich von dem Konzept des warmen Untertones in Blau oder Grüntönen zu verabschieden!

16 Stoffquadrate sind so auf einem Blatt arrangiert, dass links acht Quadrate in den kühlen Farben Blau und grün stehen, rechts acht Quadrate in Rot, Gelb und Orange.


Hell-Dunkel-Kontrast
Wenn Du Schwarz neben Weiß stellst, hast Du den stärksten Kontrast, den man sich vorstellen kann. Reine Helligkeit neben reiner Dunkelheit. Aber das Gleiche gilt natürlich auch für alle anderen Farben, jede kann man in erstaunlicher Feinheit abstufen und bekommt so einen Farbverlauf von Dunkel nach Hell. Mit diesem Kontrast kannst Du Tiefe herstellen, den Blick leiten und für Spannung sorgen. Helle Elemente scheinen über den dunkleren Elementen zu schweben.

Zwei farbige Kontraste sind nebeneinander gestellt. Links stehen die Farben Weiß bis Schwarz über Grau verlaufend von Weiß (unten) bis Schwarz).
Rechts stehen die Farben Blau und Grün in verschiedenen Helligkeiten von dunkel (unten) nach hell verlaufend.


Komplementär-Kontrast
Farben die sich auf dem Farbkreis gegenüberliegen bezeichnet man als Komplementär. Wenn man die beiden Farben mischt erhält man Schwarz (bzw. Weiß bei Licht). Wir empfinden die Komplementärfarben in der Regel als harmonisch, wenn dabei die Quantitätsregeln eingehalten werden (siehe unten)

Der Farbkreis nach Küppers bestehend aus 24 Farben. Die sich jeweils gegenüberliegenden Farben sind sogenannte Komplementärkontraste: Gelb und Violett, Grün und Rot, Orange und Blau.


Simultan-Kontrast
Den Simultan-Kontrast finde ich am schwierigsten zu erklären und zu begreifen. Laut Itten ist es folgendes:
Der Simultankontrast bezeichnet die Tatsache, dass unser Auge zu jeder Farbe die Komplementärfarbe verlangt und zwar so sehr, dass es sie von selbst entstehen lässt, falls sie nicht da ist. Eine einfache Übung: Auf einem grauen, neutralen Hintergrund steht ein violettes Quadrat. Wenn man jetzt eine Minute lang auf das Quadrat schaut, entsteht langsam darum ein Halo in Gelb, der die Form umgibt. Nimmt man das Quadrat weg, sieht man hinterher ein Nachbild auf dem grauen Hintergrund in gelber Farbe. Der Effekt entsteht im Auge und lässt sich nicht fotografieren.
Letztlich ist es die Wirkung die Farben aufeinander haben. Das gleiche graue Quadrat wirkt je nach Umgebung heller oder dunkler, wärmer oder kälter, größer oder kleiner Für die Arbeit mit Farbe bedeutet das: Wenn Du also einen Quilt ganz in Orangetönen und Grau gestaltest, wird ein Betrachter sich Blau, die Komplementärfarbe dazu wünschen und auch nur ein kleines Bisschen Blau im Projekt zieht das Auge wie magisch an und wird so zum Fokuspunkt.
Hier werden beide Effekte nochmal besser erklärt: https://www.martin-missfeldt.de/kontrast/simultankontrast.php

Neun unterschiedlich farbige und helle Quadrate sind auf eine Seite geklebt. In der Mitte der Quadrate klebt jeweils ein kleines, graues Quadrat genau zentriert. Das graue Quadrat hat in jedem farbigen Quadrat die gleiche Größe und wirkt doch in jeder Farbzusammenstellung anders.

Qualitätskontrast
Die Qualität einer Farbe ist die Reinheit der Farbe. Der Qualitätskontrast bedeutet den Gegensatz zwischen einer reinen Farbe und mit Schwarz, Weiß oder Grau abgetönten Farben. Gerade ein Quilt gewinnt enorm durch die Verwendung des Qualitätskontrastes. Ein Stück aus einer Farbe in 6 oder 7 Helligkeitsstufen ist ein spannenderer Hingucker als ein Quilt mit der gleichen Anzahl reiner Farben, die überwältigend wirken können.

Die Farben Rot, Gelb und Blau sind in immer stärker mit Schwarz abgetönten  Farbtönen nebeneinander montiert von der reinen Farbe bis hin zu nahezu Schwarz.

Quantitätskontrast
Der Quantitätskontrast bezieht sich auf das Größenverhältnis oder die Menge der Farben zueinander. Harmonisch ist das Verhältnis, wenn keine der Farben in den Vordergrund tritt, dann wird es schnell etwas langweilig. Disharmonisch ist der Kontrast, wenn eine Farbe gegenüber der oder den anderen Farben überwiegt. Zusammen mit einem der anderen Kontraste kann so viel Spannung erzeugt werden. Harmonische Kontraste der Grundfarben nach Itten sind:

  1. Gelb zu Violett: ¾ zu ¼
  2. Orange zu Blau: 2/3 zu 1/3
  3. Rot zu Grün: ½ zu ½

Praktisch nie steht einer der Kontraste alleine. Eigentlich immer kombinieren sich 2 oder 3 Kontraste in einem Werk. Indem man diese Grundlagen im Hinterkopf behält, wird es einfacher einen harmonischen oder spannenden Quilt zu erstellen.

Den besten Tipp für die Zusammenstellung von Farben habe ich von einer Textilkünstlerin in einem anderen Kurs bekommen: Nimm Dir 2 kontrastierende Farben (welcher Art auch immer der Kontrast ist), davon viele Helligkeitsstufen (Quantitätskontrast). Eine Farbe sollte 70% der Farbe ausmachen, die andere 20%. Dazu kombinierst Du 10% von einer Farbe die schreit. Die letzte macht es interessant, wenn es vorher blah wirkte. Das ist für die ersten Übungen eine richtig gute Faustformel. Und am Ende ist alles Übung. Wirklich hilfreich fand ich, diese Übungsseiten mit Stoff zu füllen und alle Kontraste mal zu durchdenken. Das geht genauso mit Buntstiften oder Aquarellfarben.

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